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Alles ganz arg schlimm!

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Letztens auf einem 70sten Geburtstag, ein Blick in die Vergangenheit bzw. auf die letzten 10 Jahre: Krisen, Kriege, Tod von Prominenten – alles ganz arg schlimm (...okay, die Fußballweltmeisterschaft fand eine positive Erwähnung).

Im späteren Tischgespräch dann das Seufzen über die Flüchtlingskrise und die Bildzeitungs-Stories über die – nennen wir es mal – unschönen Ereignisse mit Flüchtlingen. Alles ganz arg schlimm. Ach, es gibt auch positive Beispiele? Mir fallen leider keine ein… ;(

Am Montag darauf der übliche Büro-Gossip: Hast Du gehört, da ist das passiert, da jenes und der Meyer soll ja auch gekündigt haben – alles ganz arg schlimm. Stimmt ja, wir haben einen tollen Auftrag bekommen, aber wer soll das Projekt denn machen?

Fällt Ihnen ein Muster auf? Genau, man erinnert sich eher und stärker an negative als an positive Ereignisse in der Vergangenheit: Einen Autounfall, eine Trennung oder unangenehme Joberfahrungen. Das Positive rückt leider häufig immer weiter in den Hintergrund.

Aber was ist denn der Grund dafür? Nun, meine persönliche und damit wenig wissenschaftliche Theorie würde es gerne auf unsere Vorfahren schieben, also die lieben Steinzeitmenschen. Was nutzte es dem Neandertaler zu wissen, dass die Wiese im Sommer schön blüht und es sich im Bach herrlich baden lässt? Zum Überleben war es doch viel wichtiger, sich an das Negative und Gefährliche zu erinnern – der Weg mit Felslawine oder der Ort an dem der Gefährte vom Säbelzahntiger angefallen wurde.

Macht man sich die Mühe und googelt das Thema (früher haben wir nachgedacht, heute googeln wir…), findet sich auch eine Studie von Evolutionsbiologen der Universität Bern, die untersuchten wie Populationen vor dem Hintergrund wachsen, wieviel Gewicht Individuen positiven Erfahrungen, im Vergleich zu negativen, beimessen. Die Studie zeigt, dass es – aus evolutionärer Sicht – sinnvoller ist, sich an schlechte Dinge zu erinnern und an Taten, bei denen die Hilfe verweigert wurde, und nicht an solche, bei denen Hilfe gewährt wurde. Dies sei deshalb so, weil Organismen, die dazu tendieren nachsichtig zu sein, nach tausenden von Generationen ausgesondert werden, sagt Daniel Rankin, Hauptautor der Studie, die kürzlich in der Fachzeitschrift "Proceedings of the Royal Society" veröffentlicht wurde. Hingegen werden die Organismen, welche eher dafür empfänglich sind, sich an schlechte Ereignisse zu erinnern, zum Überleben und Reproduzieren tendieren. Wow, im nächsten Leben werde ich Evolutionsbiologe. ;)

Allerdings gibt es auch das umgekehrte Phänomen. Tendenziell verdrängen wir zumindest negative Erinnerungen und Emotionen: Die verflossene Beziehung oder der letzte Arbeitsplatz waren doch eigentlich ganz schön und früher war sowieso alles besser. Hier streiten sich die Wissenschaftler, ob es ein Verdrängen von unangenehmen Erinnerungen gibt. Die Verdrängungsthese wurde erstmals vor über 100 Jahren von Sigmund Freud aufgestellt. Warum es diese Verdrängung geben soll, wird dann im Übrigen auch mit dem Steinzeitmenschen begründet (für was diese alles herhalten müssen ;) Ein Steinzeitjäger, der ständig daran denken musste, dass er kürzlich nur knapp einem Raubtier entronnen ist, "hätte unter diesen Erinnerungen so leiden können, dass er aufgehört hätte zu jagen, und dann wäre er verhungert". Verdrängen statt verhungern also…

In diesem Sinne, legen Sie negative Erfahrungen, die Sie belasten bei Seite, aber berücksichtigen Sie dennoch die Erfahrungen aus der Vergangenheit. Nicht umsonst besagt der Volksmund: Aus Schaden wird man klug.

Bis bald

Ihr

Ingo Weber