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IFRS 9 Bilanz- und Abschlussstruktur

Financial Services -

Der verpflichtende Erstanwendungszeitpunkt von IFRS 9 nähert sich und immer noch sind nicht alle Fragen endgültig geklärt. So steht vom IASB z. B. noch die Verabschiedung der Standardänderung zu den sogenannten Double Break Clauses aus, die für diesen Oktober angekündigt war. Weiter hat das IASB bereits angekündigt, sich im Rahmen des Annual Improvements mit der Frage zu beschäftigen, welche Gebühren in den 10 % Test für den Abgang von finanziellen Verbindlichkeiten einzubeziehen sind. Auf nationaler Ebene hat das IDW bisher noch keine finale Stellungnahme zum Thema Modifikationen veröffentlicht und wird dies auch in Anbetracht der bis Mitte Dezember geplanten Kommentierungsfrist nicht mehr vor dem 01.01.2018 angehen.

Unabhängig von diesen offenen Vorgaben des Standardsetters und der Wirtschaftsprüfer, ergeben sich mit der Erstanwendung von IFRS 9 eine Reihe von praktischen und fachlichen Fragestellungen. Zu den praktischen Themen gehört sicher die Frage nach der operativen Erstellung und der Eröffnungsbilanz parallel zum Abschluss 2017. Bezüglich der fachlichen Fragestellungen lassen sich nicht abschließend nennen:

  • Die finale Festlegung des Geschäftsmodells bzw. Zuordnung zu den Geschäftsmodellen und Portfolien. Zwar ist diese in den meisten Fällen bereits erfolgt, aber in Abhängigkeit der Ergebnisse von finalen Proberechnungen oder auch bei einem (hoffentlich ausbleibenden) Kapitalmarktschock bis zum Jahresende, ist eine Neuzuordnung nicht vollkommen auszuschließen. Im Extremfall auch mit der Folge, dass für bisherige Fair Value Geschäfte ein Expected Loss berechnet werden muss und dies bisher nicht vorgesehen war.
  • Die Frage nach der Ausübung bzw. Revidierung der Fair Value Option. Auch diese ist in der Regel bereits getroffen, aber bis zum Erstanwendungszeitpunk bleibt hier die einmalige Gelegenheit dieses Wahlrecht für das aktive und passive Bestandsgeschäft neu auszuüben.
  • Bezüglich der Darstellung von Vergleichszahlen haben sich wohl alle dafür entschieden, von der Erleichterung Gebrauch zu machen und auf IFRS 9 Vergleichswerte zu verzichten. Aber immer noch diskutieren viele Institute – gerade wenn sie im Rahmen der IFRS 9 Einführung auch die Bilanzstruktur umstellen – welche Angaben sie hierzu machen müssen bzw. ob eine Pflicht zu Vergleichszahlen durch die Hintertür entsteht. Unseres Erachtens ist dies klar zu verneinen, was jedoch nicht gegen eine Darstellung von IAS 39 Vergleichszahlen bzw. eine entsprechende Überleitung zum besseren Verständnis spricht.

Bezüglich der Erstanwendungseffekte hat die EBA die Ergebnisse der zweiten Impact Analyse veröffentlicht und die Effekte sehen doch recht „harmlos“ aus. Ein durchschnittlicher Anstieg der Wertberichtigungen um 13 % und im Durchschnitt nur geringfügige Veränderungen in den Wertansätzen FV, AC und FVOCI lassen eher vermuten, dass die IFRS 9 Erstanwendungseffekte maßlos überschätzt wurden.

Hinsichtlich der Kategorisierung ist jedoch nicht nur darauf zu schauen, wie sich das Volumen auf die einzelnen Kategorien verteilt und wie hoch die einmaligen Effekte sind, sondern auch darauf wie gut die Bilanz nach IFRS 9 ausgesteuert bzw. gegen Marktwertinduzierte Volatilitäten abgesichert ist. Hier zeigen Gespräche mit der Praxis, dass dies Untersuchungen oft zu kurz kamen in den Projekten und weder simuliert, noch umfassend im Thema Hedge Accounting und Steuerung behandelt wurden.

Im Zusammenhang mit dem Thema Impairment ist zu beachten, dass hier teilweise Effekte vermischt werden. Einerseits die höheren Impairment Werte, die sich nach IFRS 9 ergeben und anderseits die Eliminierung von Konservatismus bzw. Vereinfachungen, die bereits unter IAS 39 enthalten waren. So haben z. B. viele Institute in der Vergangenheit portfoliobasierte Wertberichtigungen auf Basis des aufsichtsrechtlichen Expected Losses multipliziert mit einem LIP (Loss Identification Period) Faktor gebildet. Zwar fällt dieser Faktor nun weg, aber gleichzeitig wechselt man von den konservativen aufsichtsrechtlichen LGDs zu ökonomischen Werten und von der Annahme, dass alle Geschäfte mindestens ein Jahr laufen auf die ggf. deutlich kürzeren vertraglichen bzw. ökonomischen Laufzeiten – all dies wäre grundsätzlich bereits nach IAS 39 zulässig bzw. sogar erforderlich gewesen. Aber auch hier stellt sich auf Dauer weniger die Frage nach der Höhe der Erstanwendung, sondern nach der dauerhaften Volatilität. Auch hier fehlen oft entsprechende Simulationsrechnungen.

Abschließend möchten wir zur Frage der Höhe der Erstanwendungseffekte aus Impairment noch auf eine offen Interpretationsfrage hinweisen: Wenn ein Instrument nach IAS 39 als FVTPL kategorisiert war und nun als FVOCI kategorisiert wird, ist die Summe der Erstanwendungseffekte auf das Gesamtkapital null. Die Frage ist aber, ob man die nun notwendige zusätzliche Risikovorsorge als Impairment Erstanwendungseffekt und einen gegenläufigen Kategorisierungserstanwendungseffekt darstellt oder ob man impliziert, dass das Impairment bereits vorher im Fair Value enthalten war und es sich lediglich um eine Ausweisänderung handelt. Derselbe Effekt tritt natürlich auch bei allen anderen Umkategorisierungen in der einen oder anderen Form auf. Grundsätzlich ist beides möglich, aber wenn entsprechende Werte verglichen und präsentiert werden ist diese Definition im Vorfeld einheitlich zu treffen.

Ansprechpartner
 Andreas Huthmann Managing Partner