Kontakt

Nach der Krise ist vor der Krise: Working Capital Optimierung durch Supply Chain Finance

News -

Das Konzept Supply Chain Finance (SCF) ist keineswegs neu. Vielmehr gewinnt es vor dem Hintergrund der globalen wirtschaftlichen Folgen im Zusammenhang mit der Corona-Krise immer mehr an Bedeutung. Die aktuelle Situation offenbart schonungslos, wie stabil oder instabil existierende Lieferketten sind und welche Auswirkungen das einseitige Ausnutzen von Marktverhältnissen (meist durch die Käufer) auf die Liquiditätssituation von Geschäftspartnern haben kann.

Genau hier setzt Supply Chain Finance an, indem entlang der klassischen Supply Chain (Einkauf ? Produktion ? Distribution) zusätzlich alle Geld-, Finanztransaktions- und Informationsflüsse koordiniert werden. Der Fokus liegt hierbei auf der Koordination des Finanztransaktionsflusses und gemeinsamer Informationssysteme, die den Waren- und Dienstleistungsfluss zwischen den Handelspartnern entlang der Supply Chain unterstützen. SCF kann als ein ganzheitliches Netzwerk von Akteuren, Organisationen und Banken verstanden werden. Hierbei werden die jeweiligen Akteure (z.B. Lieferant und Käufer) durch digitale Dienstleistungsunternehmen (Banken, FinTechs) unterstützt, um für alle Parteien den größtmöglichen Nutzen zu erreichen. Auf diese Weise mindert SCF das Risiko von Liquiditätsengpässen und macht die Lieferkette insgesamt stabiler.

Die zentralen Bestandteile von Supply Chain Finance lassen sich in drei Kategorien unterteilen: Finanzierung, Digitalisierung von Geschäftsprozessen und Working Capital Management. Der Schlüssel zur nachhaltigen Verbesserung des Working Capitals (Working Capital bezeichnet die Differenz aus Umlaufvermögen und kurzfristigen Verbindlichkeiten) ist die strukturierte Nutzung sämtlicher Optimierungspotentiale entlang der Supply Chain Finance.

Drei zentrale SCF-Hebel: Working Capital Management, Finanzierung und Digitalisierung

Das Working Capital Management und die damit einhergehende Optimierung des Unternehmenswertes (u.a. zur Erlangung eines besseren Ratings) ist zu einer strategischen Steuerungsgröße für Unternehmen geworden. Jedoch sind der Optimierung des Working Capitals Grenzen gesetzt. So sind in der Vergangenheit, bei gleichzeitiger Umstellung auf Just-in-Time Produktion, Sicherheitsbestände in den Lagern immer weiter reduziert worden, um zusätzliche Liquidität freizusetzen. Durch die globalen Auswirkungen der aktuellen Krise kommt es dadurch vermehrt zu Lieferengpässen.

Unter Finanzierung wird die Reduktion von Kapitalkosten durch Optimierung der Kreditkonditionen sowie der Kreditvergabe für Lieferanten zusammengefasst. Zudem können durch die Verwendung von digitalen und innovativen Finanzierungstools Kapitalkosten gesenkt werden.

Die Digitalisierung von Geschäftsprozessen ist ein strategischer Faktor auf der Agenda von Unternehmen jeder Größenordnung. Vornehmlich werden Digitalisierungsthemen im Kerngeschäft entlang der klassischen Supply Chain umgesetzt. Doch auch die Optimierung von Finanzprozessen entlang der Supply Chain Finance bietet zusätzliche Kostensenkungspotentiale. Eine konsequente Digitalisierung des Purchase-to-Pay-Prozesses kann durch eine intelligente und automatisierte Abwicklung des Rechnungseingangsprozesses zu enormen Kosteneinsparungen führen. Ein hoher Digitalisierungsgrad führt automatisch zu einer höheren Flexibilität des Unternehmens.

Grundsätzlich verfolgt SCF das nachhaltige Ziel, den Unternehmenswert aller Akteure entlang der Supply Chain zu steigern und dadurch die Wettbewerbsfähigkeit der Beteiligten zu verbessern. Zentrale Fragestellung hierbei ist, wie sich einzelne Akteure in der Lieferkette finanzieren. Die Optimierung wird hierbei entlang der Supply Chain vollzogen, unter systematischer Hinzunahme von Finanz-Service Anbietern. Diese bieten den Parteien gegen eine Gebühr einen attraktiven Lösungsansatz, indem der Lieferant sofort Cash und der Käufer ein längeres Zahlungsziel erhält. Dabei kommuniziert der Lieferant nicht unmittelbar mit dem Käufer, da der Service Anbieter die Abwicklung des Geldflusses übernimmt. Zu den Marktführern in diesem Bereich zählen Taulia, CRX Markets, Prime Revenue oder auch Orbian, die allesamt SCF-Lösungen wie Reverse Factoring (Reverse Factoring oder auch Lieferantenfinanzierung beschreibt eine bankenunabhängige Einkaufsfinanzierung, wobei die Initiative zum Abschluss eines Finanzierungsvertrages nicht vom Lieferanten, sondern vom Käufer ausgeht) oder Dynamic Discounting (Dynamic Discounting beschreibt eine variable Gewährung von Skontoabzügen. Je früher gezahlt wird, desto höher ist der abziehbare Skontobetrag) anbieten.

Innerhalb des Prozesses treten beim SCFAnsatz in Abhängigkeit der Ausgestaltung im Wesentlichen Käufer (Unternehmen), Lieferanten, Geldgeber (meist Banken) oder Plattformanbieter (Service-Provider, FinTechs) als Akteure auf.

Käufer und Lieferant agieren bei der Bezahlung der Verbindlichkeiten nicht auf direktem Wege miteinander. Hier kommt der Plattform-Provider zum Zuge, um den Bezahlprozess für beide Akteure koordiniert und zügig abzubilden, sodass etwaige Liquiditätsengpässe nicht auftreten.

Holistischer Ansatz zur Stärkung aller Akteure entlang der Supply Chain

Die Wirksamkeit der nachhaltigen Optimierung des Working Capitals ist maßgeblich von der ganzheitlichen Umsetzung der SCF abhängig. So gilt es für alle beteiligten Akteure, Entscheidungen im Sinne der unternehmensübergreifenden Supply Chain zu treffen, ohne die eigenen Interessen außer Acht zu lassen.

Wenn Unternehmen ihr eigenes Working Capital verbessern möchten, besteht oftmals der Ansatz, eine individuelle Ausdehnung der eigenen Zahlungsziele gegenüber den Lieferanten bei gleichzeitiger Verkürzung der Zahlungsziele der Kunden vorzunehmen. Zeitlich spätere Zahlungen an die Lieferanten können allerdings eine finanzielle Instabilität bei diesen auslösen; insbesondere dann, wenn dies durch mehrere Unternehmen gleichzeitig praktiziert wird. Eine Liquiditäts-Destabilisierung von wichtigen Lieferanten kann leicht direkte Auswirkungen auf die gesamte Lieferkette haben und widerspricht dem holistischen SCF-Ansatz. Um aber die eigenen Kunden dauerhaft schnell mit einer gleichbleibenden Qualität und wettbewerbsfähigen Preisen bedienen zu können, bedarf es einer risikofreien Gestaltung der Lieferkette.

Lieferantenprüfung rückt wieder stärker in den Fokus

In Folge der Corona-Krise wurde die Insolvenzantragspflicht (Die Insolvenzantragspflicht soll gemäß § 1 des COVID-19-Insolvenzaussetzungsgesetzes (COVIn-sAG) zunächst bis zum 30. September 2020 ausgesetzt werden) zeitlich begrenzt ausgesetzt, sodass eine fundierte Lieferantenprüfung eine zentrale Rolle einnehmen muss. Durch das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht können Unternehmen die ursprünglichen Insolvenzschwellenwerte ggf. bereits überschritten haben. Dies kann aktuell dazu führen, dass Unternehmen eine drohende Insolvenz hinauszögern und ihren Verpflichtungen irgendwann nicht mehr nachkommen können. Hier gilt es, die Erfahrung der beteiligten Finanzdienstleister zu nutzen und diese als Teil des Risikomanagements zu etablieren.

Etablierung von SCF benötigt Vertrauen und Zeit

Wie einleitend erläutert, ist SCF an sich kein neues Instrument. Es benötigt einen sukzessiven und vertrauensvollen Aufbau. Neu ist allerdings, dass zunehmendes Denken in End-to-End Finanzprozessen und unternehmensübergreifenden Wertschöpfungsnetzwerken den technischen Aufbau vereinfachen.

Integrierte ERP-Systeme und digitale Plattformen erleichtern hierbei die koordinierte Entscheidungsfindung zwischen mehreren Beteiligten, zeichnen Warenbewegungen in Echtzeit auf, erhöhen die Flexibilität der Anbindung von weiteren Beteiligten und verringern die finanziellen Risiken. Vorteile, die mit der Nutzung von Service- und Plattformanbietern einhergehen, liegen u. a. in einer transparenten Preisgestaltung. Dennoch wird die Implementierung von SCF je nach Reifegrad der aktuellen Prozess- und Systemlandschaft einen Zeitraum von mehreren Monaten beanspruchen und dient nicht als kurzfristiger Lösungsansatz.

Bei der Einführung von Supply Chain Finance sollte insbesondere die Wahl der Plattform bzw. die Wahl des Finanzpartners (i.e.S. das dahinterliegende Finanzierungsmodell) sorgsam evaluiert werden. Dies muss im Auswahlverfahren entsprechend berücksichtigt werden, um eine möglichst optimale sowie reibungslose Einbindung in bestehende Systeme und Prozesse im Unternehmen zu gewährleisten. Sowohl bei der Auswahl des geeigneten Toolanbieters als auch bei der Umsetzung steht Ihnen die FAS als fachlicher Ansprechpartner zur Seite.

Autoren: Fabian Kiworra und Tobias Reich