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Ruf doch mal an!

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Das Telefon klingelt, der Anruf wird angenommen: „Hallo, passt es gerade, ich möchte kurz etwas besprechen.“… Ein perfekter Moment für eine Alltagslüge: „Ja, klar, gerne.“! Wirklich? Passt es gerade, dass das Telefon klingelt? Wie kann das sein? Saß der Angerufene etwa nur an seinem Schreibtisch und hatte sonst nichts zu tun? Wenn ja, es wäre erschreckend… In der Regel wird man aber mit etwas (whatever…) beschäftigt sein. Durch den Anruf wird man in der Tätigkeit (und sei es nur ein Gedankengang) unterbrochen und muss nach dem Telefonat nochmal neu anfangen. Spontane Telefonanrufe nerven.
Mich zumindest.

Es gibt auch eine andere Begründung, warum telefonieren zunehmend „out“ ist:

Das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung der Swisscom: Mittlerweile benutzen 30 % der befragten Jugendlichen die Telefonfunktion ihres Smartphones so gut wie gar nicht mehr.

Der Grund mitunter: eine echte Angst vor dem  spontanen Gespräch, in dem man sofort auf Antworten des Gegenübers reagieren muss. Die Jugendlichen erschrecken, wenn das Telefon klingelt, drücken das Gespräch lieber weg, als es anzunehmen. Und wenn sich ein Telefonat gar nicht vermeiden lässt, bekommen sie Schweißausbrüche. Immer mehr junge Leute telefonieren offenbar nur noch höchst ungern. Im Netz häufen sich derartige Erfahrungsberichte. Und die Forschung unterstreicht mit nackten Zahlen: Das sind keine Einzelfälle, das ist ein Trend! So gab bei „bento.de“ jüngst eine Telefon-Hasserin zu: „Telefonieren ist eine Qual für mich. (…) Wenn ich die Möglichkeit habe, per Nachricht, Mail oder auch Sprachnachricht mit anderen zu kommunizieren, nutze ich sie gern. Keine unangenehme Stille, kein „Guten Tag, hier ist, äh…“, kein „Und sonst so?“, wenn mir die Themen ausgehen.“ Sebastian Olbrich, stellvertretender Leiter des Zentrums für Soziale Psychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, erklärt die Angstgefühle: „Beim Telefonieren kann man das Gegenüber nicht sehen und die Reaktionen somit schlechter abschätzen. Das kann Ängste hervorrufen. Zudem haben einige Angst davor, etwas Falsches zu sagen, das man nicht korrigieren kann.“.

Ähnlich auch das Feedback eines Vertriebsmanagers aus seinen Erfahrungen mit seinen jüngeren Kollegen: „Haben Sie den Kunden erreicht?“ „Ich habe ihm eine E-Mail geschrieben.“, „Haben Sie versucht ihn telefonisch zu erreichen?“, „Ich habe ihm eine kurze SMS geschrieben.“, „Jetzt rufen Sie doch den Kunden einfach mal an!“, „Ich schick ihm eine E-Mail mit Wichtig.“… Und jetzt? Jetzt wird darauf gewartet, dass der Adressat antwortet.

Aber wollen wir das wirklich? Zurück zum digitalen Briefe schreiben? Die Möglichkeit in Kauf nehmen, dass der Gegenüber einfach die Löschen-Taste drückt und einen damit ignoriert? Oder vielleicht noch interessanter die Tatsache, dass auch andere unsere Nachrichten lesen und darüber diskutieren können? Nicht wirklich, oder?

Und tatsächlich gibt es doch eine relevante Anzahl von Leuten, die schlichtweg auch keine Lust haben auf E-Mails oder Textnachrichten zu reagieren, insbesondere bei komplexeren Themenstellungen.
Auch die Interaktion am Telefon ist viel besser möglich, um auf Argumente und Gegenargumente (oder wenn’s gut läuft Komplimente oder positives Feedback) zu reagieren, entsprechende Schlagfertigkeit natürlich vorausgesetzt.

Aber wie löst man die Crux, jemanden nicht durch einen Anruf stören zu müssen, aber gleichzeitig doch mit ihm zu telefonieren? Mein Favorit: Telefontermine (zumindest im geschäftlichen Bereich, im privaten bin ich noch ein bisschen flexibler ;). Eine kurze Nachricht, sei es per E-Mail oder Textnachricht: Ich hätte folgendes Thema, wann könnten wir denn kurz telefonieren? Bei einer entsprechenden Position des Ansprechpartners gibt es häufig auch eine Assistenz. Dann bietet sich der Anruf (!) bei der Assistenz an, um den Telefontermin zu vereinbaren. Der Vorteil: Keiner wird gestört, beide können sich inhaltlich und mental auf das Telefonat vorbereiten.

In diesem Sinne, greifen Sie doch öfter mal zum Telefon, so lange Sie die notwendige Sensibilität haben, um zu wissen, wann der Anruf stören könnte und wann nicht. Es lohnt sich!

Bis bald

Ihr

Ingo Weber