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Schwarze Schafe, Spielregeln und Sanktionen

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Aus meinen letzten 12 Stunden (Mittwochabend bis Donnerstagmorgen):

Stuttgarter Kickers vs. Wehen Wiesbaden, 25ste Minute, Handspiel im Strafraum von Wiesbaden – Elfmeter! Gut geschossen, leider jedoch durch die hervorragende Reaktion des Wehener Keepers gehalten. Am Ende siegten die Kickers im Übrigen 1:0 – Ende gut, alles gut.

Von meiner Seitenstraße auf dem Weg in die Stadt abgebogen, ein weiterer Fahrer links neben mir beim Abbiegen – Hallo? Seit wann ist das Abbiegen zweispurig? Fast gekracht, Puls auf 180, gibt es den Führerschein inzwischen auch ohne Prüfung?

Fitnessstudio (ja, das Puls in Stuttgart-Mitte öffnet dienstags und donnerstags ab 6:30 Uhr), „Rasieren unter der Dusche aus hygienischen Gründen nicht erlaubt!“ – Aha, es gibt also tatsächlich Menschen, die auf die Idee kommen, sich unter öffentlichen Duschen zu rasieren. Faszinierend und erschreckend zugleich.

Fallen Ihnen ähnliche Beispiele ein? …aber vielleicht sollte ich erst einmal erläutern, was diese drei Geschichten jetzt überhaupt miteinander zu tun haben.

Alle drei Situationen haben gemeinsam, dass es Regeln gibt, die eingehalten werden sollten (Spielregeln, Verkehrsregeln, Duschregeln). Warum allerdings braucht es immer Regeln und tendenziell immer mehr und detailliertere Regeln? Wäre es nicht in vielen Fällen einfacher, sich auf den gesunden Menschenverstand, die allgemeinen Moralvorstellungen oder ein vernünftiges ästhetisches Grundempfinden zu verlassen? Sicherlich wäre das häufig die beste Lösung und auch ganz im Sinne eines liberalen Denkens. In diesem Kontext fällt mir aber eine Aussage von Peer Steinbrück, unserem ehemaligen Finanzminister bei einer Diskussion im Industrieclub Düsseldorf ein: „Wir würden das Steuerrecht ja sehr gerne vereinfachen, aber sobald wir an einer Stelle etwas vereinfachen, stürzen sich tausende Steuerexperten auf diese Vereinfachungen und überlegen sich, wie sie diese nutzen bzw. gestalten können, um weniger Steuern zu zahlen.“. Und genau das ist das Problem bzw. der Grund für die Regeln: Menschen haben einen unterschiedlich gesunden Menschenverstand, verschiedene und nicht allgemeine Moralvorstellungen und über Ästhetik lässt sich ja bekanntlich vortrefflich streiten. Zwar gibt es bei vielen Dingen und unter den meisten jeweils betroffenen Personen ein breites gemeinsames Verständnis, aber eben nicht bei allen. Und genau diese – nennen wir sie „schwarzen Schafe“, wenn gleich der ein oder andere die Eigenschaft des Individualismus an dieser Stelle vielleicht nicht mit so einem negativen Begriff belegen würde – führen dazu, dass Regeln aufgestellt werden und wir in einer Regulierungsspirale enden. Das deutsche Steuerrecht ist hier sicherlich ein tolles Beispiel. Würden alle auf die möglichen Steuerspartricks verzichten (beliebt bei Berufseinsteigern im Übrigen, den Wohnsitz bei den Eltern zu belassen, um so zusätzliche Fahrten Wohnung–Arbeitsstätte anzusetzen; eine juristische Würdigung verkneife ich mir an dieser Stelle), dann wäre das deutsche Steuerrecht deutlich überschaubarer und vermutlich auch die Steuersätze niedriger. Oder nehmen Sie das Beispiel der Bankenregulierung. Würde es neben den meist redlichen Banken nicht auch den ein oder anderen „Bankster“ geben, dann müsste nicht so viel reguliert werden. Die Liste könnte man mit Beispielen aus dem beruflichen, aber auch dem privaten Bereich (nur zwei Stunden Fernsehen pro Tag für die Kinder, wer räumt die Spülmaschine ein/aus, die schwäbische Kehrwoche etc.) beliebig lang fortsetzen. Tragisch ist dies dann für die große Mehrheit, die gemeinsame Vorstellungen hat, diese vertritt und bei welcher dann auch das Verständnis für (zusätzliche) Regeln fehlt.

Und was steht am Ende? Sanktionen. Klar, wenn Regeln aufgestellt werden, muss natürlich auch geregelt [sic!] werden, was passiert, wenn man sich nicht an die Regeln hält. Und je weniger sich an die Regeln halten, desto mehr Sanktionen gibt es. Das Straßenverkehrsrecht und die Flensburger Punkte lassen grüßen.

In diesem Sinne, nutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand und beachten Sie die allgemeinen Moralvorstellungen, denn nur so vermeiden Sie (unnötige) Regeln im beruflichen wie auch im privaten Bereich.

Bis bald

Ihr

Ingo Weber