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Über den Mindestlohn, Praktikanten und den lieben Wettbewerb

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Seit gut einem Jahr gilt nun das Mindestlohngesetz in Deutschland. Damit wurde auch bei uns, wie bereits in vielen anderen Ländern üblich, ein gesetzlicher Mindestlohn von € 8,50 pro Stunde eingeführt. Die Vorgabe erfolgte durch die Politik und kann frühestens ab dem 1. Januar 2017 auf Vorschlag einer ständigen Kommission der Tarifpartner (Mindestlohnkommission) geändert werden.

Inwieweit ein Mindestlohn sinnvoll ist oder nicht sei dahingestellt bzw. würde vermutlich zu einer mehrseitigen Abhandlung führen. Generell ist meine Einstellung jedoch, dass der Staat sich möglichst wenig in diese Bereiche einmischen sollte, so lange „der Markt“ – sprich Angebot und Nachfrage – eine Lösung (=Preis) dafür findet. Mit „unseren“ € 8,50 liegen wir zwar auf dem Niveau von Belgien, den Niederlanden, Frankreich oder Neuseeland, jedoch mehr als doppelt so hoch wie Spanien und Griechenland und gut drei- bis viermal so hoch wie unsere östlichen Nachbarn.

Der Mindestlohn (wohl aber eine angemessene Vergütung) kann nach § 22 Abs. 1 Mindestlohngesetz jedoch nicht bei freiwilligen Praktika von höchstens dreimonatiger Dauer zur Orientierung im Hinblick auf ein Studium oder eine Ausbildung beansprucht werden. Auch bei Praktika im Rahmen einer öffentlich geförderten Einstiegsqualifizierung oder Berufsausbildungsvorbereitung gilt der Mindestlohn nicht.

Hier fangen nun die Herausforderungen in der Praxis an, wenn der Staat anfängt sich einzumischen. Historisch lag die Vergütung für Praktikanten in der Branche Unternehmensberatung/Wirtschaftsprüfung bei ca. € 1.000,00 bis € 1.200,00. Dies war schon deutlich mehr als in vielen anderen Branchen wie Werbung, PR oder Internet gezahlt wurde – wobei sich diese Bereiche einerseits deutlich mehr auf Praktikanten stützen, andererseits (zumindest vermeintlich) mehr Spaß bei der Arbeit versprechen und daher generell weniger vergüten. Derjenige, der schnell rechnen kann wird bereits bemerkt haben, dass € 8,50 x 160 Stunden/Monat bereits ca. € 1.360,00 ergeben. Okay, dieser Differenzbetrag wird die meisten Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften nicht vor finanzielle Probleme stellen, aber das ist nur der erste Schritt. Im zweiten Schritt fällt in diesen Branchen durchaus die ein oder andere Überstunde an. Auch diese sind mit € 8,50 zu vergüten. Gerade in der Hochsaison, können es leicht 60 Wochenstunden sein. Schon liegt die Vergütung für Praktikanten bei über € 2.000,00.

Wie reagiert „man“ nun darauf? Nun, eine Möglichkeit wäre, keine Praktika mehr anzubieten oder nur noch weniger als 3 Monate oder Pflichtpraktika. Sowohl aus Unternehmenssicht, als auch aus Sicht des Praktikanten (Stichworte: Einarbeitungsphase und Lernkurve) eher unbefriedigend – soweit die höhere Vergütung für Praktikanten natürlich tatsächlich auch finanzierbar ist. Schließt man die Variante aus, dass man absichtlich gegen die Vorgaben des Mindestlohngesetzes verstößt, bleibt als Alternative eigentlich nur, den Mindestlohn zu bezahlen. Eigentlich auch nur fair, wenn jemand mehr als 3 Monate als Praktikant für das Unternehmen arbeitet, er durchaus auch einen entsprechenden Wertbeitrag stiftet und sich daher die Vergütung an die eines festangestellten Mitarbeiters anlehnen sollte. Von m. E. nur bedingt sinnvollen Vorschlägen wie „Keine Bezahlung in den ersten drei Monaten, Mindestlohn in Monat 4 und 5“ soll hier abgesehen werden.

Nur fair…Genau. Nun kommt der liebe Wettbewerb ins Spiel. So letzte Woche auf einer Recruiting-Veranstaltung der Vortrag eines großen Marktbegleiters: Dort wird das „Problem“ Mindestlohn dadurch gelöst, dass man zwei Praktika mit weniger als 3 Monaten in unterschiedlichen Abteilungen anbietet. Clever gelöst. Und bestimmt werden die Praktikanten dann nicht zufällig von der einen in die andere (vorherige) Abteilung ausgeliehen bzw. nur in „Ausnahmefällen“.

Eigentlich schade, dass hier versucht wird, die gesetzlichen Vorgaben „breit auszulegen“, insbesondere soweit man Unternehmen auch noch in Compliance-Fragen berät (und sie gleichzeitig in die Loge zum Fußball einlädt…). Ein bisschen erinnert es mich auch an das Recruiting-Argument „wir vergüten Überstunden“. Diese Regelung mag zwar bei dem einen oder anderen Marktbegleiter existieren, wird aber in der Praxis dadurch ausgehebelt, dass die Mehrstunden auf Grund von Budgetrestriktionen und Anregung des Projektleiters gar nicht erfasst und damit auch nicht vergütet werden.

In diesem Sinne, bleiben Sie fair und halten Sie sich an die Spielregeln, auf die Dauer zahlt es sich (hoffentlich!) aus!

Bis bald

Ihr

Ingo Weber