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„Über den Vorschlag die eigene Oma zu vermöbeln“

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Nachfolgender Beitrag beruht auf dem sehr lesenswerten Buch „Factfulness – Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ von Hans Rosling, gleichzeitig auch meine Empfehlung als Urlaubslektüre für den Sommer 2019. Der Autor gibt zahlreiche Anregungen zum faktenbasierten Entscheiden, aber insbesondere auch eine (andere) Sicht auf die Welt, die deutlich positiver ist, wie wir sie wahrnehmen.

Hans Rosling schildert im Kapitel „Schuldzuweisung“ folgende Situation: Im Rahmen seiner Vorlesung erläutert er, dass die großen Pharmaunternehmen sich wenig in der Malariaforschung und anderen Krankheiten, die die Ärmsten betreffen, engagieren. Die heftige Reaktion eines Studenten hierauf war es, doch mit körperlicher Gewalt gegen die großen Pharmaunternehmen vorzugehen, also diese „zu vermöbeln“, damit sie endlich auch etwas für die Ärmsten tun. Auf die Rückfrage von Rosling, wen genau er denn „vermöbeln“ sollte, war der Vorschlag, es doch gleich dem CEO angedeihen zu lassen. Die Frage ist aber dann, ob sich durch diese Aktion tatsächlich die Forschungsschwerpunkte des Pharmaunternehmens ändern? Auch bei Einbezug des kompletten Vorstands in den Akt physischer Gewalt würde sich die Forschungsprioritäten vermutlich nicht ändern. Ein weiterer Student erkannte dies und schlug vor, vom Vorstand abzulassen, sondern sich auf die Aktionäre zu konzentrieren. Zu Recht, denn schließlich entscheiden die Aktionäre über die Bestellung des Aufsichtsrats und damit auch über den Vorstand. Also, so die weitere Schlussfolgerung der Studenten, waren „die Reichen“ daran schuld, die die Aktien von pharmazeutischen Unternehmen halten. Aber betrachtet man tatsächlich die Aktionärsstruktur, so sind es viele Kapitalsammelstellen wie (Pensions)Fonds oder Lebensversicherungen, die ihr Geld in Pharmaaktien als (zumindest vermeintlich) defensiven Wert investieren. Und auf einmal ist es die Oma, die vermöbelt werden muss, hat sie doch über ihre Lebensversicherung und deren Aktienanlage dafür gesorgt, dass kein Geld in die Malariaforschung gesteckt wird! Und um dem ganzen das Sahnehäubchen aufzusetzen: Hat die Oma mit dem ausgezahlten Geld aus der Lebensversicherung womöglich ihr Studium (mit-)finanziert, dann wird es Zeit sich selbst die Ohrfeige für das unsoziale Verhalten zu geben!

Ein sehr plakatives, aber durchaus eingängiges Beispiel für die Einfachheit von Schuldzuweisungen. Ein anderes Beispiel aus dem Alltag gefällig? Morgens Duschen im Hotel und das Wasser ist brühend heiß. Unser erster Gedanke: Das Hotel ist schuld! Oder der Zimmernachbar mit dem gerade aufgedrehten Kaltwasser ist schuld! Aber vielleicht wollte Ihnen auch niemand Schaden zufügen? Wären wir geduldig gewesen und hätten das Wasser langsam aufgedreht, wäre nichts passiert. Sicherlich fallen Ihnen beim Nachdenken noch zahllose weitere Beispiele ein (mein persönlicher Klassiker: „Die IT“ ist schuld!).

Das Problem bei diesen schnellen Schuldzuweisungen ist, dass wir uns die Fähigkeit nehmen, nochmals darüber nachzudenken, die häufig notwendigen Warum-Fragen zu stellen sowie uns auch zu überlegen, was denn wirklich die Fakten sind. Diese einfachen Lösungen verhindern dann den Blick auf die meistens doch komplexe Wahrheit. Gleichzeitig machen sie uns das Leben natürlich auch leichter, denn man muss nicht so viel Zeit für das doch durchaus anstrengende Nachdenken aufwenden. Aber wie heißt es so schön: Komplexe Probleme haben meistens keine einfachen Antworten (zumindest wenn man diese nochmals kritisch hinterfragt). Interessant übrigens auch die Gegenseite der Medaille: Auch bei Erfolgen neigen wir dazu, dies auf einen Einzelnen oder einen einfachen Grund zu reduzieren, wobei es auch hier im wahren Leben komplizierter ist.

Im Sinne von Hans Rosling: Hören Sie auf Einzelnen oder Gruppen von Personen die Schuld zuzuweisen, denn dann hören Sie auf über das Problem nachzudenken. Meist sind es Wechselwirkungen verschiedenster Ursachen, die „die Schuld“ tragen.

Ihr 

Ingo Weber

P.S.: Gerne diesen Blog auch ausdrucken (Digitalisierung ;), neben den Bildschirm legen und vor dem nächsten Anruf bei „der IT“ kurz nochmals lesen.