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„Über Transpiration und Erfolg“

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Man könnte meinen, es handelt sich um einen Blog rechtzeitig zu den Sommerferien. Aber es ist nicht ganz der Fall.

Kennen Sie auch diese Menschen? Wahnsinnig (im wahrsten Sinne des Wortes ;)) kreativ und innovativ, immer das neueste Gadget am Start, immer spannende neue Ideen, kaum hier und wieder auf dem Sprung ins nächste Abenteuer, ein richtiger Hans-Dampf-in-allen-Gassen? Und doch notorisch erfolgslos, frustriert, weil die Welt ihn nicht versteht und pleite? Bestimmt. Diese sind aktuell  auch im „Start-Up-Ökosystem“ des Öfteren zu sehen.

Die Begründung hierfür lieferte schon Thomas Edison, der Erfinder der Glühbirne: „Genie ist 1 % Inspiration und 99 % Transpiration.“ Neu aufgegriffen, strukturiert und vor allem auf die gesamte Unternehmenskultur bezogen hat es Gary P. Pisano von der Harvard Business School in der Juni-Ausgabe des Harvard Business Managers. Seine Kernthese: „Innovation erfordert Disziplin!“ Dabei greift Pisano fünf Thesen, die in der Praxis zumindest teilweise falsch interpretiert werden, auf:

(1) Fehlertoleranz: Die Annahme, dass Fehlertoleranz Innovation fördert, ist nur insoweit zutreffend, als dies nicht als Nachsicht für Inkompetenz interpretiert wird. Wer dauerhaft Fehler macht, muss auch die Konsequenzen tragen (bzw. eben der Vorgesetzte). Des Weiteren wird zwischen produktiven und unproduktiven Fehlern differenziert. Produktive Fehler führen zu Verbesserungen und sind somit positiv, wobei richtig angemerkt wird, dass nicht die Fehler positiv sind, sondern dass daraus gelernt wird. Unproduktive Fehler, insbesondere auch solche, die nicht rechtzeitig gestoppt werden, sind einfach nur ein Flop.

(2) Experimentierfreude: „Try fast, fail fast“ ist das Motto. Grundsätzlich ist Experimentierfreude positiv, insbesondere in einem Umfeld, welches mit Unsicherheit und Ungewissheit behaftet ist. Dies darf allerdings nicht mit einem wahllosen ausprobieren ohne ausreichende Basis verwechselt werden. Wichtig sind klare Kriterien für die Auswahl der Experimente und insbesondere auch Entscheidungskriterien zur Fortsetzung, wie z. B. mit dem Stage-Gate-Modell.

(3) Offenheit: Ein sicheres, psychologisches Umfeld, in dem die Mitarbeiter offen ihre Meinung sagen dürfen, fördert Lernen und Innovation. Gleichzeitig sollte man sich aber auch der Konsequenzen bewusst sein. Diese im Zweifelsfall schonungslose Offenheit muss man auch wollen und leben. Und die meisten Personen, aber auch Unternehmen, haben schon ihre Schwierigkeiten überhaupt Feedback zu geben und anzunehmen. Von schonungsloser Offenheit sind diese weit entfernt. Und ja, es kann auch unangenehm sein, direkt zu hören, dass man etwas nicht kann!

(4) Kooperation: Zusammenarbeit und Schwarmintelligenz führen zu neuen Ideen und Ansätzen. Wie herrlich, keiner muss mehr die Verantwortung übernehmen, sondern die Gruppe hat entschieden. Zwei Fehlschlüsse sind hier enthalten: Zum einen wird Kooperation mit Konsens verwechselt und am Ende steht ein (fauler) Kompromiss, der im Zweifel auch (unternehmens-)politisch opportun ist, an Stelle der für das Unternehmen besten Lösung. Zum anderen bedarf es trotz der Kooperation individueller Verantwortung für Entscheidungen und insbesondere auch deren Umsetzung.

(5) Flache Hierarchien: Unternehmen mit flachen Hierarchien bieten erfahrungsgemäß ihren Mitarbeitern auch große Freiräume, schon allein deshalb, da sich die Führungskräfte auf Grund der Leitungsspanne nicht um jeden Mitarbeiter kümmern können. Aber ohne starke Führung bricht bei flachen Hierarchien auch schnell Chaos aus und jeder macht sein Ding. Daher ist gerade bei flachen Hierarchien starke Führung, eine klare Richtungsvorgabe und das Setzen von Prioritäten zwingend notwendig.

In diesem Sinne, seinen Sie kreativ und innovativ, denn mit nur „weiter so“ kommt man nicht zum Erfolg. Aber vergessen Sie nicht die Transpiration bei aller Innovation!

Ihr

Ingo Weber

P.S.: Weil ich es so schön fand – ein bisschen nutzloses Wissen: Der „Hans in allen Gassen“ (noch ohne Dampf) tritt in der Literatur in dem 1667 erschienenen Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen auf und wurde als „Hans Dampf in allen Gassen“ weithin bekannt gemacht durch die gleichnamige Erzählung des deutschen Schriftstellers und Wahlschweizers Heinrich Zschokke (1771–1848) aus dem Jahr 1814. Die Hauptperson darin ist „Hans, der Sohn des Bürgermeisters Peter Dampf“. Im Bayerischen wird auch von „Gschaftlhuber“ gesprochen, im Englischen von „Jack of all trades“ bzw. modern weiblich als „Jill of all trades“ oder – auch sehr gelungen – die Abwandlung: „Jack of all trades – and master of none“.